Flugschriften,
Manifeste, Polemiken - vor dem Hintergrund sich verschärfender Kulturkämpfe scheinen auch Veröffentlichungen mit interventionistischem
Anspruch wieder an Relevanz zu gewinnen. Innerhalb liberaler Demokratien ist eine gelungene Diskursintervention in der Lage,
das moralische Fundament bürgerlicher Öffentlichkeit in Frage zu stellen. Je mehr sie dazu fähig ist, desto mehr läuft sie
Gefahr, bekämpft zu werden - durch Diffamierung, Zensur oder mit rechtlichen Mitteln. Dabei richtet sich die Intervention
nicht nur gegen etwas, sie stellt auch ein Wir her, indem sie eine Gegenöffentlichkeit produziert, innerhalb der sie zirkulieren
kann. Entscheidend ist ihr medialer und politischer Kontext ebenso wie ihre Form: ihr Ton und ihre Sprache, die darin hergestellte
Nähe oder Distanz sowie herstellerische, gestalterische und vertriebliche Faktoren.
Doch
wie verhält sich die Diskursintervention in unserer Gegenwart, der nicht wenige Beobachter*innen eine postliberale Tendenz
diagnostizieren? Anhand unterschiedlicher historischer und gegenwärtiger Beispiele - darunter Ulrike Meinhofs konkret-Kolumne,
der 2007 bei La fabrique éditions erschienene TextL'insurrection qui vient(Der kommende Aufstand) und Houria Bouteldjas Polemik
inWhites, Jews, and Us- soll in diesem Vortrag das Verhältnis zwischen Form und Öffentlichkeit gefährlicher Texte untersucht
und für kommende Kulturkämpfe nutzbar gemacht werden.
Jonas von Lenthe
betreibt in Berlin den Verlag Wirklichkeit Books, wo er unter anderem Bücher von Dagmar Herzog, Enzo Traverso, Moshtari Hilal
und Sinthujan Varatharajah veröffentlichte. Von 2022 bis 2024 leitete er mit Johanna Klingler das Archiv des Kunstverein München.
Seit 2025 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FHNW Basel.
Der Vortrag ist öffentlich
ohne Anmeldung zugänglich.
Das Kolloquium wird dieses Semester von der Abteilung Kunsttheorie
von Jakob Schillinger betreut.